Donnerstag, 1. Mai 2025

Schreckliche Stellvertretung

 Dieser Beitrag spielt im Frühling 2024

Geplante oder zufällige Anführerin und Aufrührerin?


Wer hätte gedacht, dass man sich nach 47 Jahren Schule noch einmal ins Bockshorn jagen liesse? Die Stellvertretung begann so vielversprechend. Die Begeisterung der Autorin trug bestimmt dazu bei. Doch auch die Klasse weiss, wie sie gut durch den Tag kommt.

Es ist eine sechste Klasse. Die Übertrittsgespräche mitsamt Entscheidungen sind vorbei. Prüfungen und Hausaufgaben laufen gut, die Kinder lernen.

Doch ein Mädchen will die Leitung aller Personen im Zimmer und der Turnhalle haben. Sie hat Charisma, Ausstrahlung. Alle finden sie nicht nur hübsch und nett, sondern sogar schön. Alle? Nein, einfach ca. 6-8 Mädchen und ein Junge aus der Klasse.

Zusammenarbeit mit Eltern ist unterstützend


Sie selbst benimmt sich unanständig, sobald einer ihrer Wünsche nicht umgehend erfüllt wird. Dabei ist ihr völlig gleichgültig, dass Mitschüler /innen dabei benachteiligt werden. Bis hin zum Schulbesuchstag mit: "Das mach ich sicher nöd! Sie sind nöd mini Muëter!". Zum Glück. Denn bei der Zusammenarbeit mit den Eltern dieser Protest-Gruppe stellt sich heraus, dass die Lehrerin sehr wohl unterstützt wird, die Erziehenden aber auch ein bisschen ratlos sind.

Kritikpunkte bestehen


Natürlich gibt es Kritikpunkte. In der Turnhalle funktioniert stets Spotify nicht, weil das Daten-Abo auf dem Handy nicht stark genug ist für die geforderten Puffergeschwindigkeiten. Auch mit dem Singen hapert es aus ähnlichen Gründen. Doch könnte man sich ja vorstellen, dass es für ein paar Wochen reichen würde, wenn halt die andern Fächer, unter anderem auch das Zeichnen, prioritär behandelt werden. Schliesslich sind sowohl die Lektionsstruktur, als auch die Materialien höchst ansprechend und aktuell. 

Erleichterung dank der TTG


Beim Austausch mit der Handarbeitslehrerin, deren Fach heute TTG (Technisches und Textiles Gestalten) heisst, zeigen sich dieselben Verhaltensweisen der betreffenden Gruppe. Das nimmt die Last ein bisschen von den Schultern der Aushilfslehrerin. Allerdings geht es dort sogar so weit, dass eine Mutter nicht gerade unterstützend, sondern eher auch noch aggressiv redet und die TTG-Lehrerin beschuldigt, ihr Kind ganz ungerechtfertigt getadelt zu haben. So wirken wir gegenseitig als Trost füreinander. 

"Unterstützung" durch die SHP


Als Tüpfelchen aufs i handelt die der Klasse zugeteilte Schulische Heilpädagogin. Die Autorin hat die Themen genau geplant für die Stunden, die noch bleiben bis zu den Ferien und dementsprechend die Arbeiten der Kinder aufbewahrt. Leider hat sie diese Arbeiten nicht weggesperrt. Offenbar hat der Mittwoch-Lehrer nicht mehr genügend Stoff für den letzten Vormittag. Das motiviert die beiden, Lehrer und SHP, dazu, die Arbeiten der Autorin!!! herauszunehmen und den Kindern die Zeit zu geben, dies alles zu beenden. Es ist ihnen leider nicht eingefallen, das der Lehrerin mitzuteilen. 

So kommt die Autorin ahnungslos und unvorbereitet um sieben Uhr am Donnerstag zur Schule und entdeckt den Betrug. Also noch rasch etwas aus dem Ärmel schütteln, keine schlechte Stimmung gegenüber den Kindern äussern, strahlen. Super, danke! Diese SHP hat sich schon einmal quer gestellt, und statt der erhaltenen Aufträge, als sie die Stellvertretung übernahm, einfach etwas anderes gemacht, nicht korrigiert und der Autorin Materialien hinterlassen, die besser seien und zu dem Thema passen würden, das die SHP nun idealer findet. Damit ist die weitere Planung der Lehrerin auch torpediert. So soll Zusammenarbeit funktionieren...

Weil die Schulleitung zweimal nicht in ihrem Büro war, als sie als Vermittlung hätte fungieren sollen, ging diese Hilfestellung im Alltag wieder unter und man wurstelte halt so weiter. 

Eine Regel ein Jahr später


Ein Trost im Ganzen zeigte sich nicht nur mit der TTG-Lehrerin und der Eltern-Unterstützung, sondern ein Jahr später, als der übernehmende Klassenlehrer einen Frühlingsbrief an alle Klassen schrieb: 
  • Die Klassenlehrpersonen sollten doch bitte alle darauf achten, und den Kindern mitteilen, dass für den Frühlingsputz auch dies Jahr alles aus der Garderobe nach Hause genommen werden müsse. Noch Übrigbleibendes werde in die Kleidersammlung gegeben. 
    • Genau dies geschah im vergangenen Jahr auch mit den liegen gelassenen Sachen dieser Shrek-Klasse und wurde als Gipfel des Unverstandes, als Frechheit und als unverzeihlich angeprangert durch die Katastrophen-Gruppe. 

Ohne motivierte Gruppe keine Weiterarbeit


Während der ganzen Zeit hielten die Jungs der Klasse die Autorin bei der Stange. Diese machten sowohl ihre Hausaufgaben, beteiligten sich aktiv am Unterrichtsgespräch, arbeiteten fruchtbar in den Gruppen zusammen, blieben sogar nach der Schule noch, um Unerledigtes zu beenden. Das ist so etwas Wunderbares zum Erleben, dass es einen wirklich stützt und dabei bleiben lässt. Sie geben sich Mühe und arbeiten durch die ganzen Querelen immer weiter positiv mit. Wäre diese Gruppe nicht gewesen, hätte die Autorin wahrscheinlich vorzeitig aufgegeben, denn immerhin liegt deren Pensionierung zu jenem Zeitpunkt schon vier Jahre zurück und ihre Arbeit ist stets nur und ausschliesslich freiwillig, wenn Not am Mann oder eben der Frau ist.

Positives an der Frechheit


Ja, positiv ist doch immerhin, dass die Kinder untereinander sich nicht mobben, sondern ihre pubertäre Unzufriedenheit auf die Lehrerin richten. Dass die Klassen stets ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl haben sollten, war ihr immer ein wichtiges Thema während der ganzen Lehrerin-Zeit seit 1977.

Punkte fürs Durchhalten


Dies gibt total drei Punkte, die dafür sprachen, in diesem Vikariat durchzuhalten:
  • Die Eltern (und Grosseltern) boten Unterstützung, weil sie mit dem Vorgehen der Stellvertretung einverstanden waren und ihre Kinder kennen.
  • Die Jungs arbeiteten motiviert und engagiert weiter.
  • Die Anführer-Gruppe benahm sich auch in der TTG gleich ungebührlich.

Lehren daraus


So gehört dieses Leid-Vikariat zu einer späten, aber dennoch wichtigen Lebenserfahrung. Ja, tatsächlich, auch mit bald siebzig lässt sich noch dazulernen. Eines ist nämlich ziemlich sicher: Kein Langzeitvikariat mehr an einer Klasse! Es ist Zeit, sich nicht mehr solchen herausfordernden sozialen Spannungen auszusetzen. Kommt dazu, dass auch die Verantwortung als Klassenlehrerin gross ist. Turnen, Schwimmen, Impulskontrolle der Kinder, ... 

Wenn wir uns jetzt, ein Jahr später, ab und zu treffen, grüsst man sich zurückhaltend. 
In einer aktuellen Stellvertretung findet die Schwester einer damaligen Rebellin die Schreiberin die coolste Lehrerin, welche Meinung mindestens zwei ihrer Freundinnen teilen. Auch der Rest der Klasse kommt vertrauensvoll auf die Autorin zu und holt sich Tipps für die Arbeit.