Donnerstag, 9. Juli 2020

Die Pensionierung

Letzte Schulzeit 🏤 gleich Coronazeit 🏥📈💉

Nach 43 Jahren Schuldienst war in den Sportferien und beim Sprechen mit unseren deutschen Freunden im Tessin klar, dass dies meine letzten Sportferien sein würden und wir im Frühling zu meinen letzten Ferien überhaupt nach Holland auf die BonBini fahren würden, um zu segeln.
Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt!

Die letzten Ferien gibt's auf Balkonien und Sofanien. Corona zwingt die Welt zum Lock-Down. Bleibt zuhause, wenn ihr nicht unbedingt raus müsst. 


Es folgen vier Wochen Fernunterricht bis Ostern, denn der Bundesrat schliesst am 13. März 2020 auch die Volksschulen bis mindestens zum 11. Mai. Vorher waren nur die höheren Schulen zu, weil hier die Ansteckungsgefahr am grössten war. So ist der Freitag mit dem ausnahmsweise heimgenommenen Laptop ein glücklicher Freitag, der 13. Denn sonst hätte ich noch einmal zur Schule gehen müssen.

Fernlernen mit den zur Verfügung stehenden Apps macht die Aktionen leicht. 


Es ist toll, dank der von der Schule auf Zeit erhaltenen Laptops für die IF-Schüler*innen der Mittelstufe Aufträge bereitzustellen und dort auch gleich zu sehen, wer was schon gemacht hat, respektive, wo jemand noch gemahnt werden muss. Einige nehmen die Unterstützung dankend an, andere wollen um jeden Preis alles selber bearbeiten können, weswegen sie lieber keinen Hilfe-Bedarf anmelden. Nicht einmal per Telefon. 
Einer aber ergreift die Chance und löst mittels Face-Time alle Fernlern-Aufträge in Rekordzeit mit seiner Schulischen Heilpädagogin. Es entwickelt sich eine tolle Zusammenarbeit, bei der der Junge total motiviert ist und unglaubliche Freude zeigt, wenn er alles geschafft hat und nirgends in Verzug gerät. Er ist äusserst gut vorbereitet für die Face-Time-Tutorials, sodass wir stets flüssig vorwärts kommen. Eigentlich versteht er die Aufgaben und Aufträge von selbst sehr gut und braucht vor allem jemanden ausserhalb der Familie, der ihm bestätigt, dass seine Arbeit gut ist und er es recht macht. Er arbeitet nämlich sehr konsequent und absolut sorgfältig mit deutlicher Schrift.

Nun kommt wirklich mein letztes Vierteljahr in der Schule vor der mit 64 Jahren vielleicht tatsächlich verdienten Pensionierung. Noch einmal mit voller Kraft voraus! Stellt man sich vor. Wünscht man sich. Erhofft man.

Statt dessen: Noch einmal folgen 2 Wochen Fernunterricht auf die Frühlingsferien, welche keine sind. Anschliessend vier Wochen im Halbklassenmodus. Eine Hälfte kommt an vier Tagen vormittags von 9-12 Uhr, die andere Nachmittags von halb zwei bis vier Uhr. Der Mittwoch ist für alle frei mit Fernlernen, wie oben beschrieben.
Die grosse Pause wird so durchgeführt, dass wenige Klassen gleichzeitig draussen sind, die von ihrer Klassenlehrer*in betreut werden.

Die Schulische Heilpädagogin gibt Schule mit Plexiglas-Schalter, Mundschutz und selbst erworbenem Visier. Grüppchen und Gruppen kommen zu ihr in den Unterricht. Sie reinigt nach jedem Gruppenwechsel alle Oberflächen. Material wird unter den Kindern nicht ausgetauscht. 


Der Beamer leistet hervorragende Dienste, denn hier kann eins zu eins gezeigt werden, wie für ein Thema gearbeitet werden muss. Auch die Fernlernplattform LearningView ist nicht mehr zu missen. Es ist grossartig, wie die Kids damit selbständig arbeiten, die Arbeiten online abgeben und das Erledigen bestätigen können mit ihrem Schullaptop - jedenfalls die Mittelstufe. Es gibt auf diese Weise viel weniger Papierverbrauch. 
Dennoch müssen viele Familien die Unterlagen von der Klassenlehrer*in per Post oder Kurier erhalten, weil sie keinen PC oder Drucker haben. 
Vom 8. Juni an ist wieder Schule im Ganzklassenmodus. Zu mir kommen Grüppchen, um ihren Lernstoff zu vertiefen oder überhaupt zu verstehen. Einige sind wahnsinnig fleissig auf der Lernplattform, andere tun so, als ob sie die Unterlagen nicht finden oder nicht gewusst hätten, dass sie Arbeit bekommen hatten. In einer Seelenruhe wird halt alles noch einmal erklärt, gezeigt und vorgemacht.

Weil mein Geburtstags- und Pensionierungs-Apéro zur Zeit der Planung nicht durchgehen sollte, schrieb und gestaltete ich für jedes Team-Mitglied einen persönlichen Brief, den ich an ein Fläschchen Sekt band und am Tag der geplanten Feier in Schulzimmer, an Türfallen und in Fächlein verteile.

Die Kinder kriegen auch einen Brief je nach Alter mit anderen Süssigkeiten, auch für die ganze Klasse, aber erst in der letzten IF-Zeit.

Die Kolleginnen schauen sich meine Schränke durch auf Brauchbares für ihren Unterricht. Orange Gepunktetes ist reserviert für meinen Nachfolger. Wenn dieser die Sachen auch noch durchgeschaut hat, geht der Rest in die Mulde. 

Auch im Sekretariat werde ich einen Besuch machen, denn dieses leistete während über 40 Jahren tolle Dienste für mich. Darunter die Papiere für Dienstaltersgeschenke, Bescheide zu Gesuchen über unbezahlten Urlaub fürs Segeln. Seit Neuestem das Senden der jährlichen Pensenvereinbarungen. Die ganze Infrastruktur fürs Internet. Die Kontakte wegen des LehrerOffice. All die Organisationen und Planungen rund um gemeinde-interne Fortbildungen. Ausrichten von Sitzungsgeldern. Einladungen und Organisationen rund um die Gesamtschulkonferenz. Einfach Danke! Auch für das wunderbare, würdigende Arbeitszeugnis! Beim Lesen wird einem warm ums Herz.

Ein Dankeschön an die  Schulleitung, die immer für mich da ist, wenn ich Sorgen und Sörgchen loswerden muss. Die manchmal auch verärgert ist über mich, weil ich irgendetwas falsch angeschaut oder formuliert habe, sich aber Zeit nimmt, die Missverständnisse zu klären oder mir den Auftrag gibt, sie zu klären. Die Freuden teilt und lacht mit mir. Die über Gleiches sich amüsiert. Die alles rund um die Anstellungen klärt und zusammenstellt, sodass am Ende ganze Pensen zustandekommen, so wie wir sie uns wünschen. 

Nun die letzten drei Wochen "Marlies - allein zuhaus" und Schule mit erneuten Erleichterungen, die der Bundesrat heute bekannt gab: Versammlungen bis 1000 Personen, Demonstrationen auch mehr, aber mit Mundschutz. Empfehlung für Mundschutz in den ÖV noch immer  Distanz nur noch 1,5m, wie in Resteuropa. Arbeit nicht mehr im Home-Office.

Freude  👍😀😊

Ganz Europa lässt sich auf neue Freiheiten ein. So kann ich mich nicht nur auf die Pensionierung an sich, sondern auch auf die Ferien freuen. Nachdem am kommenden Mittwoch mein Nachfolger die für ihn nötigen Schulmaterialien bezeichnet haben wird, beginnt es mit Wegwerfen. Ich werde nichts behalten, ausser der Seekiste, die ich von meinen Nichten zum 60sten erhalten habe.

Wunderbar, keinen Stundenplan mehr zu haben, keine fixen Termine oder mich wehren zu müssen gegen allzu spät am Abend angesetzte Elterngespräche. Herrlich, nicht mehr im Dunkeln hin und zurück radeln zu müssen, sondern das Tageslicht auch für Privates nutzen zu können. Keine Wochenpläne mehr erstellen zu müssen, sie mit den anderen zu koordinieren. Nie mehr einen Stundenplan erstellen, keine Lektionsnotizen ins Journal stellen, keine Förderpläne mehr zu verfassen oder Lernberichte. Am Morgen kein Hetzen mehr, damit ich um 06.15 Uhr in der Schule bin. Keine Befürchtungen mehr, dass mein Schlüssel für den Veloraum nicht programmiert wäre. Einfach privat sein.

Eine kleine Träne 😢

Schade, keine Gespräche mehr über Mittag, in der grossen Pause und vor der Schule zur Woche und zu den Kindern. Keine Kinder mehr, die einen jung halten mit ihren Ansichten, ihrem Verhalten, ihren Geschichten. Keine Schul-Organisationen mehr. Keine Sitzungen mehr, keine "blöden" Spiele mehr vor der Sitzung, keine Missverständnisse mehr, die per Mail in Echtzeit geklärt werden. Kein Lärm mehr, über den man sich so schön ärgern kann. Keine Projekte mehr, keine Exkursionen mehr. Keinen tollen Hauswart mehr, der immer wieder etwas von der Obrigkeit weiss und für mich alles tut, was in seiner Macht steht.

So viele "kein" verdienen eine kleine Träne 😢

Eine grosse, aber auch Freuden-Träne 😥😥😥

Die Befürchtung war ja lange Zeit, dass es ein sang- und klangloses Nach-Hause-Gehen geben würde, einfach mal noch von Ferne Tschüss gesagt. 
Doch nein, meine Kolleginnen und Kollegen, die Schulleitung und weitere zur Schule gehörende Personen organisierten eine Abschiedsfeier, die nicht grossartiger, phantastischer hätte sein können. Damit der Abstand gewahrt bliebe, stand das Team Spalier,  
nachdem ich alleine als Erste mich am Apéro-Buffet gütlich tun durfte und wir ohne Klang auf unser Wohl getrunken hatten. 
Im Saal erwartete mich eine Strand-Loge mit Extra-Tischchen, meeresufer-geschmückt. Hier würdigten zwei Anglerinnen mit einem Wurm an der Angel meine Tätigkeiten und deren Bedeutung für mein Team, die Kinder und deren Eltern. Sie fischten nacheinander eine Uhr, einen Drink, die Piraten-Flagge, den Kompass, den Anker, eine Kaffeetasse, eine Perlenmuschel, …. heraus und erzählten auf liebenswürdigste Weise unter dem Motto des Gegenstandes das mich und mein Team betreffende Schulkapitel. 

Die eine oder andere Träne der Rührung entwischte nicht nur meinen Augen. 

Das mir gewidmete Lied mit personalisiertem Text "An der Nordseeküste" von Klaus und Klaus gesungen auch von Kelly-Family nahm ich vor lauter Aufregung erst am Schluss auf. 
Der mit mir pensionierte und am selben Abend, ganz anders zu verabschiedende Schulleiter hat mir auch ein persönlich für mich getextetes Lied gewidmet anhand der Melodie "z' Basel am mym Rhy" und leitete den Steini-Chor, damit ich es doch einmal hören würde. Diesmal schaffte ich die Aufnahme-Taste fast von Beginn an, womit ich mir das Lied immer wieder anhören und mitsingen kann. Weil eine der Organisatorinnen Bescheid wusste darüber, wie stark mir eine weitere Kollegin aus dem Partnerschulhaus am Herzen liegt, lud sie sie kurzerhand auch zu diesem Abend hier ein. 
Mit Singen, Präsentieren, Schlemmen und Rücksichtnehmen war die Präsentation und der Abend jedoch noch nicht beendet, denn jede und jeder hatte eine eigene, wasserdichte (Doppel-) Seite für mein Pensions-Buch gestaltet, sodass ich noch lange an alle diese lieben, tollen, kreativen, engagierten, musikalischen Kolleginnen und Kollegen denken soll. Damit das Buch nicht untergeht, wird es von einem Mini-Fender getragen. Ist das nicht einmalig? Und der Gutschein wird unsere Bootsausrüstung vervollständigen. Ein riesengrosses herzliches Dankeschön für diesen wundervollen das Herz anrührenden Abend! 💖💖💖💖💖


Wer denkt, dass der Abschied jetzt gelaufen sei, täuscht sich! Nun bringen die Kinder ihre Abschiedsgaben. Einzeln und von Klassen kommen Blumen-Sträusse und -Töpfe, Süssigkeiten, Lieder, Pensionierungskarten, eine ganze Strandszene mit Tablett, Puppe, Liegestuhl, Leuchtturm-Kerze und Segelboot, aber auch ein Jahreskalender zum Aufhängen, der ganz auf meinen neuen Lebensabschnitt ausgerichtet ist.  


Vielen Dank für all diese Abschiedsgrüsse und guten Zukunftswünsche! 👍👍👍💙💙💙🙏🙏🙏

Der Count-down läuft, drum folgt das Pensionslied ✌✌😁😁



Mein Pensionslied (Reim dich oder ich fress dich!) 🎹🎼🎻🎸🎵🎶


25. Juni: Elf kleine Schultäglein,
die waren noch zu geh'n, 
doch kaum hast du hingeschaut, 
da waren's nur noch 10.

26. Juni: Zehn kleine Schultäglein,
die wollten sich gleich freu'n,
doch einer hat genug von dem, 
da waren's nur noch 9.

29. Juni: Neun kleine Schultäglein,
die sind ganz früh erwacht, 
doch einer hat kein' Hunger noch, 
da waren's nur noch 8.

30. Juni: Acht kleine Schultäglein, 
die haben viel geschrieben,
doch einer schob s' Papier gleich weg,
da waren's nur noch 7.

1. Juli: a) Sieben kleine Schultäglein, 
die trafen sich mit Michis Echs', *
doch einer will noch viel mehr hör'n,
da waren's nur noch 6. 
1. Juli: b) Sieben kleine Schultäglein, 
die waren im Gefecht, 
doch einer macht sich schnell davon,
das war den sechsen recht.

2. Juli: Sechs kleine Schultäglein, 
die wollten 's noch vernünftig machen, 
doch einer fand das ziemlich dumm,
drum sind jetzt noch 5 am Lachen.

3. Juli: Fünf kleine Schultäglein, 
die ziehn durch s'Naglikon-Quartier,**
und einer fand 'n Saurierbein, 
da waren's nur noch 4.

6. Juli: Vier kleine Schultäglein,
die freuten sich auf d' Segelei, 
doch einer find't die Schleuse nicht,
da waren's nur noch 3.

7. Juli: Drei kleine Schultäglein, 
die riefen jubelnd Hei-Juhei,
doch einer sich verschluckt am Brei,
da waren's nur noch 2.

8. Juli: Zwei kleine Schultäglein,
die fanden andres feiner,
drum räumt hier einer alles auf,
da ist es nun noch einer.

9. Juli: Ein kleines Schultäglein,
denkt etwas allgemeiner,
versteckt sich auf dem Segelboot,
da ist es grademal noch keiner.

10. Juli: Elf kleine Schultäglein,
sie sind für gut gegangen, 
drum hat die Pension jetzt schon
für Marlies angefangen.

👍❤👍😃😃😃🎵🎶

Habt es alle gut, geniesst die fast Corona-freien Ferien und freut auch nach den Sommerferien auf den Start in eine neue Klasse, zu neuen oder immer noch gleichen Aufgaben!

* Michael Hatzius mit seiner Echse 

** historisch bedeutsames Gebiet, in welchem noch Pfosten der Steinzeithäuser zu finden sind.

Quellen: Fotos von der Autorin, Emojis vom Blogger, Cliparts hat das Internet gratis zur Verfügung gestellt.